2015 – Unser Jahr mit den Flüchtlingen

Ein Erfahrungsbericht von Marion Büchl

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Wie aus Fremden Freunde wurden

Mir liegt es fern, mich in den Mittelpunkt zu rücken aber, da die negativen Stimmen immer mehr zunehmen, möchte ich mit meinen Erfahrungen die andere Seite beleuchten:

Es gibt die ehrenamtlichen Deutschkurse, die gut angenommen werden und in denen die Teilnehmer große Fortschritte machen.

Buechl Marion WEB00126Ein Jugendlicher aus Gambia hat nach knapp 9 Monaten in Deutschland so gut Deutsch gelernt, dass er den Quali mit 2,7 bestanden hat und jetzt eine Lehrstelle als Metallbauer angetreten ist. In seiner Firma sind alle von seinem Arbeitseifer und seiner Genauigkeit begeistert. Mittlerweile ist er seit gut einem Jahr hier und spricht schon fließend Deutsch.

Meine Tochter bekam zu ihrem Geburtstag von einer afghanischen Familie Geschenke, obwohl das Geld bei den Leuten wirklich knapp ist. Sie sprechen immer davon, dass sie für sie wie eine Schwester sei. Gastfreundschaft wird hier groß geschrieben, man ist jederzeit willkommen und wird sogar vermisst, wenn man sich ein paar Tage nicht sehen lässt. Es gibt immer etwas zu essen und zu trinken. Es kann auch passieren, dass extra für den Besuch groß aufgekocht wird. Dies geschieht aber nicht aufgrund von Eigennutz, sondern ist völlig altruistisch. Sie haben uns auch schon ein paar Wörter in ihrer Landessprache Dari beigebracht. Auch Tigrinya und Arabisch ist uns nicht mehr fremd.

In einem zweitägigen Fahrradworkshop haben Flüchtlinge reparaturbedürftige Fahrräder wieder in Gang gebracht. Gemeinsam mit meinem Vater, meinem Lebensgefährten und dem Freund meiner Tochter wurden die Räder repariert. Hier halfen alle zusammen. Die einzige „Meinungsverschiedenheit“ an diesem Tag war, dass jeder jeweils sein Fahrrad das beste ansah. Am Ende des letzten Tages meinte ein junger Mann: „Very much Dankeschön.“
An Halloween zog meine Tochter mit den afghanischen Kindern von Tür zu Tür, um Süßigkeiten zu sammeln. Reich bepackt und glücklich kamen sie zurück. Den Satz „Süßes oder Saures“ hatten sie vorher eifrig geübt.

Buechl Marion WEB00128In einem Schwimmkurs in Kooperation mit der Wasserwacht haben mein Lebensgefährte und ich den Flüchtlingen in sechs Kursstunden Schwimmen beigebracht. Mittlerweile klappt das schon ganz gut. Buechl Marion WEB00127Auch die, die anfangs ohne Schwimmhilfe wie ein Stein untergingen, schaffen jetzt eine Bahn. Meine Tochter geht immer wieder mit den Kindern zum dem Kindernachmittag im Hallenbad, wovon die Kleinen ganz begeistert sind.

Falls Hilfe im Notfall gefragt ist, sind die Leute sofort bei der Stelle. Als beim Containerdorf mein Auto eine Reifenpanne hatte, war sofort ein junger Mann aus Pakistan zur Stelle, der wie selbstverständlich den Reifen gewechselt hat und sogar noch das Rad kostenlos repariert hätte. Wobei zweiteres aber nicht ganz im Sinne der StVO ist. 😉

Buechl Marion WEB00121Wir werden immer wieder zu verschiedenen Festen eingeladen, so zum Beispiel bei den Afghanen, als eine Baby-Willkommens-Party gefeiert wurde. Auch bei dem islamischen Zuckerfest waren wir zu Gast und mussten uns bei den Afghanen und den Eritreern durch wahre Berge von Essen kämpfen. Wir haben Speisen aus verschiedenen Ländern kennen gelernt und außerdem wurde uns von den Eritreern beigebracht, wie man mit den Finger isst, ohne eine riesige Sauerei anzurichten. Das hat sich als gar nicht so einfach herausgestellt. Wir wissen übrigens jetzt auch, dass ein eritreischer Tee erst perfekt ist, wenn er mindestens 7 Löffel Zucker pro Tasse enthält, was für uns jedoch eher sirupähnlich schmeckt.

Gemeinsam haben wir mit jungen Syrern und Eritreern Plätzchen gebacken. Danach waren alle ganz verliebt Vanillekipferl, sodass noch einmal eine zweite Portion gebacken werden musste. Hier gehen Christen und Muslime wie selbstverständlich miteinander um, auch die Muslime sind an den christlichen Bräuchen interessiert.

Wir haben groß zusammen Weihnachten gefeiert, mit jungen Flüchtlingen ausBuechl Marion WEB00123 Gambia, Syrien und Eritrea. Es war ein sehr schöner Abend, an dem viel gegessen, geredet und gelacht wurde. Der Höhepunkt für einen jungen Eritreer war, als eine Krar – ein eritreisches Musikinstrument, das mein Vater für ihn gebaut hat – geschenkt bekam. Der junge Buechl Marion WEB00122Mann war in Eritrea Musiker und hat sein Instrument sehr vermisst. Er meinte, er sei glücklich „von der Erde bis zum Mond“ und gab dann sofort ein Spontankonzert, um seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Auch bei den Besuchen im Containerdorf gibt es immer wieder Konzerte. Die anderen Flüchtlinge aus Eritrea haben gemeint, dass diese Krar nicht nur ein Geschenk für den einen Mann sei, sondern dass sie alle darüber sehr glücklich seien.

Auch die gemeinsame Silvesterparty werden wir alle in guter Erinnerung behalten. Zusammen mit den Flüchtlingen zu Beginn der Feier „Dinner for one“ anzusehen, war für alle ein sehr lustiges Erlebnis. Für uns, die wir den Film schon zigfach gesehen haben, war es vor allem sehr witzig den anderen beim Lachen zuzusehen. Später haben wir alle gefeiert, getanzt und großen Spaß gehabt.

Meine Tochter und ihre Freunde haben in den Flüchtlingen wunderbare neue Freunde gefunden! Sie besuchen sich gegenseitig, treffen sich an den Wochenenden, reden, essen oder feiern gemeinsam. Es wirkt so, als ob sie sich schon ewig kennen würden.

Wir sind mittlerweile eine große Familie geworden. Einander zu helfen ist für uns selbstverständlich.

Buechl Marion WEB00124Insgesamt blicken meine Tochter und ich auf ein Jahr mit sehr vielen Turbulenzen und positiven Erfahrungen zurück und können nur dafür einstehen, Menschen, die alles verloren haben, ein neues Zuhause zu bieten und ihnen vorbehaltslos zu begegnen. Für uns spielt es keine Rolle, woher ein Mensch stammt, welche Hautfarbe oder welche Religion er besitzt, wir sind alle gleich. Es entscheidet lediglich der Charakter, ob man jemanden mag oder nicht.

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